Der deutsche Einzelhandel kann sich ja viele Dinge auf die Fahne schreiben: Zum Beispiel, dass deutsche Verbraucher dank jahrelanger "Geiz ist Geil" Indoktrinierung sich mehr um die Qualität des Motoröls für ihr Auto als für die Qualität ihrer Lebensmittel interessieren. Oder, dass Erzeuger von Grundnahrungsmitteln wie Milch keine ausreichenden Preise mehr erzielen können. Aber der deutsche Einzelhandel als Retter bedrohter Arten?
Doch, so sieht sich der Handel nach Aussage von Kai Falk, Leiter Kommunikation beim
HDE tatsächlich. Doch es geht nicht um bengalische Tiger oder Blauwale, nein. Es geht um das deutsche Lastschriftverfahren.
Der HDE sieht das Lastschriftverfahren bedroht durch SEPA, durch die Banken und Sparkassen, durch die Bundesregierung, ja so ziemlich jeden, der nicht direkt dem Handel angehört. Doch was ist am Lastschriftverfahren, auch ELV genannt, so schützenswert? Der Kunde mag es, so der HDE. Und ohne ELV steigen die Preise. Und ohne ELV sind wir alle schutzlos der Gebührenwillkür der Banken ausgeliefert. Aha.
Schauen wir uns also das Lastschriftverfahren einmal genauer an: Der Kunde legt eine Karte vor, seine Bankverbindung wird ausgelesen. Per Unterschrift ermächtigt er nun den Händler, eine Lastschrift über den Einkaufsbetrag einzuziehen. Und das war es. Doch woher weiß der Händler, dass der Kunde auch der ist, für den er sich ausgibt? Unterschriften sind leicht zu fälschen, werden kaum geprüft und außerdem müssen Konto auf Magnetstreifen und Konto auf Karte - und damit die Unterschrift - noch lange nicht übereinstimmen. Und woher weiß der Händler, dass der Kunde ausreichend Deckung auf seinem Konto hat? Gar nicht, hier gilt das Prinzip Hoffnung. Na, dann ist es doch das
Problem des Händlers, oder nicht? Und wenn der ELV mag, warum sollte man es ihm verbieten?
Auf die Bankensicht, nämlich fehlende Einnahmen aus dem System, möchte ich hier nicht eingehen, denn das machen die Banken schon selbst. Mir ist ein Aspekt wichtig, der leider viel zu oft
außer Acht gelassen wird -wie so oft im deutschen Einzelhandel:
DER KUNDE! Denn der ist es, der die Zeche, die ELV ihm einbrockt, bezahlen muss!
Fakt 1: Nahezu alle Kosten des ELV Systems werden direkt auf den Kunden abgewälzt. Nur die verbleibenden geringen Transaktionskosten rechnet der Handel gegen die Kosten der anderen Systeme auf. Wenn es aber z.B. zu einer Rücklastschrift mangels Deckung kommt, muss der Kunde diese Kosten tragen. Ebenso Kosten für Adressauskünfte, Inkassokosten etc.. Und da die Händler nach einer ersten Rücklastschrift einen so genannten Hoffnungslauf starten, fallen viele diese Kosten oft doppelt an.
Fakt 2: Die Daten der Kartenkunden werden völlig intransparent bei diversen Dienstleistern des Handels
gespeichert. Kommt es zu einer Rücklastschrift, wird ganz schnell das ganze Konto des Kunden für ELV gesperrt, ohne dass dieser darüber informiert wird oder eine Chance hat, dagegen gezielt vorzugehen. Oft bleibt nur der Wechsel der Bankverbindung.
Fakt 3: Kommt es zur
Ablehnung einer Transaktion
kann der Kunde, anders als bei allen anderen Kartenzahlverfahren,
nicht bei seiner Bank
nachfragen und vielleicht das Problem aus der Welt räumen. Beim ELV wird einfach abgelehnt, eine Begründung gibt es meist nicht und wenn dann stimmt sie oft nicht.
Fakt 4: Die niedrigen Schadensquoten bei ELV basieren darauf, dass über Hoffnungsläufe, aggressivem Inkasso und häufigen Ablehnungen der Totalausfall minimiert werden konnte. Aber in % aller Einkäufe ist
ELV mit fast 1% das Verfahren mit den meisten Störungen, d.h. Problemen bei der Abrechnung. Das heißt: Für jeden hundertsten Kunden, der bei einem ELV Händler mit Karte zahlt, ist die Transaktion mit der Unterschrift noch nicht vorbei: Es folgen Hoffnungsläufe, Rücklastschriften, Mahngebühren, Inkassogebühren, Kartensperrungen usw.
Fakt 5: Die Schaden-Dunkelziffer ist hoch. Darunter fallen alle Transaktionen, bei denen manipulierte Karten erfolgreich eingesetzt wurden, der betrogene Kontoinhaber aber seine Kontoauszüge nicht sorgfältig geprüft hat und daher der unrechtmäßigen Abbuchung nicht widersprochen hat. Die Kosten trägt wiederum der Verbraucher.
Angesichts dieser gravierenden Nachteile für den Kunden ist es auf den ersten Blick
verwunderlich, dass die deutschen
Verbaucherschützer sich noch immer schützend vor das Lastschriftverfahren, und nicht vor den Kunden
stellen. Die einzige vorgebrachte Begründung ist dabei, dass der Kunde durch sein umfassendes Widerspruchsrecht gegen unrechtmäßige Abbuchungen geschützt ist (doch wehe dem Kunden, der davon Gebrauch macht: dann ist Karte und Konto erst einmal für ELV gesperrt). Doch der tatsächliche Grund dürfte vielmehr darin liegen, dass die Verbaucherschützer vom Handel geschickt auf die Seite "Wir für die Kunden gegen die teuren Banken" gezogen wurden, ohne sich wirklich mit dem Thema auseinander zu setzten.
Seit gestern findet wieder das Kartenforum des EHI statt. Und wie immer hat der Handel ELV als das Beste aller möglichen Kartensysteme gepriesen. Das mag stimmen, wenn auch nur aus Sicht des Handels. Es bleibt die Hoffnung, dass irgendwann jemand das deutsche Lastschriftsystem auch aus Sicht der Verbraucher betrachtet. Vielleicht, ja nur vielleicht macht dies der Handel ja sogar selbst.
Ein bisschen Kundennähe und Kundenservice hat ja schließlich noch nie geschadet...